Presse Léon

Quelle: WELT ONLINE 29.11.2008

Leukämie

Leon kehrt zurück in ein Leben voller Zukunft

Von Eva Eusterhus
29. November 2008, 16:45 Uhr

Mit Reportagen und Porträts beteiligen sich "Welt" und "Welt am Sonntag" sowie der NDR an einer Spendenaktion zugunsten der Fördergemeinschaft Kinderkrebs-Zentrum am UKE. Dort wurde der an Leukämie erkrankte Leon vier Monate lang behandelt. Jetzt durfte der Sechsjährige endlich wieder nach Hause.

Über die Elbbrücken will Leon nach Hause fahren, vorbei am Güterbahnhof in Maschen, dort, wo die großen Züge stehen. Das hat er sich gewünscht, und das hat ihm sein Vater versprochen, als sie vor vier Monaten von Hohnstorf an der Elbe nach Hamburg in die Kinderkrebsklinik fuhren. Leons Papa Alexander Bührke hat ihn immer wieder daran erinnert, an den Abstecher entlang des Güterbahnhofs. Auch an Tagen, an denen es nicht danach aussah, dass Leon es noch mal nach Hause schaffen würde.

Doch jene schwarzen Stunden sind an diesem Mittwoch weit weg. Denn heute darf Leon nach Hause. Im Zimmer 23 der Kinderkrebs-Station im Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) türmen sich gepackte Taschen, Tüten und Koffer. Dazwischen sitzt Leon in einem Rollstuhl und trommelt ungeduldig mit den Fingern auf den Tisch.

In diesem Zimmer hat er zusammen mit seiner Mutter Tanja gewohnt. Worauf er sich zu Hause am meisten freut? Auf seine Freunde natürlich und auf seine Eisenbahn. "Die ist nämlich viel zu groß für das Krankenzimmer, die hätte hier gar kein Platz gehabt", sagt er aufgeregt und breitet seine Arme aus.

Rund 600 Kinder werden in Eppendorf behandelt

Leon hat es geschafft. Vier Monate verbrachte der an Leukämie erkrankte Sechsjährige in der Kinderkrebs-Station in Eppendorf. Rund 600 Kinder werden dort ständig stationär oder ambulant behandelt. 1975 gründeten betroffene Eltern die Fördergemeinschaft Kinderkrebs-Zentrum Hamburg, die die Arbeit am UKE seither maßgeblich unterstützt. Die Zeitungen "Welt" und "Welt am Sonntag" sowie NDR 90,3 und das "Hamburg Journal" begleiten die Arbeit des Fördevereins jetzt mit einer vorweihnachtlichen Spendenaktion.

Die Ärzte am UKE haben Leon Stammzellen eines unbekannten Knochenmarkspenders transplantiert. Die Therapie hat angeschlagen. 99,9 Prozent des neuen Knochenmarks ist angewachsen. Leons Chancen auf Heilung stehen gut.

Eine Woche später: Vor der Haustür der Bührkes erinnern bunte Luftballons an die spontane Willkommensfeier, die Freunde organisiert hatten. Leon sitzt in seinem Zimmer und dreht den Regler an der Modellbahn auf. Die Lok surrt, Leon wirft die Arme in die Höhe. Er lacht. Auf dem kahlen Kopf des Jungen wächst flachsblonder Flaum. Wenn es gut läuft, darf er im März wieder in den Kindergarten.

Es war seine letzte Chance im Kampf gegen die Leukämie, denn Leon musste sich bereits vor zwei Jahren einer Chemotherapie mit Bestrahlung unterziehen, damals war er vier. "Die Behandlung schlug an. Leon erholte sich, noch im Juni lief er beim Deichlauf mit", erinnert sich seine Mutter Tanja Bührke, 37.

Im Juli dieses Jahres kam dann bei einer Routineuntersuchung die Diagnose: In Leons Blut wurde eine erhöhte Anzahl von Blasten festgestellt, das sind unreife Blutzellen. "Die Ärzte sagten uns, dass Leon einen Rückfall bekommen hat, und uns war klar: das ganze Programm – Krankenhaus, Chemo, Bestrahlung – noch einmal."

Als Erklärung müssen die Chemo-Wikinger herhalten

Tanja Bührkes Augen glänzen glasig, wenn sie sich daran erinnert. Als Erklärung für Leon müssen wieder die Chemo-Wikinger herhalten: Das geht so: Die Chemo-Wikinger kämpfen gegen die bösen Zellen in seinem Körper. Und weil manche beim Kämpfen ihre Brille verlieren, richten sie ihre Schwerter auch gegen die guten Zellen und, deshalb werden ihm bald wieder die Haare ausfallen. "So haben wir ihm das erklärt. Wie soll man das auch sonst einem Kind erklären?", sagt die Mutter.

"Ich möchte nicht, dass meine Haare wieder ausfallen", war das einzige, was der Junge entgegnet. Aus dem fröhlichen Kind wurde binnen Wochen ein verschlossener Junge. Wenn er weinte, dann aus Wut. "Warum darf ich nicht so sein wie andere Kinder?", fragte er seine Mutter immer wieder. Sie schlief im Zimmer des Sohnes auf einem Beistellbett. Sie wurde von ihrem Job beurlaubt und kümmerte sich rund um die Uhr um ihn. An den Wochenenden löste sie ihr Mann ab. So ging das vier Monate lang.

Woher sie die Kraft nahmen? Schulterzucken. Sie sind einfach nur dankbar. All jenen, die da waren und ein Stück weit für Normalität sorgten. Ohne die Unterstützung von Freunden und Familie, aber auch von Ärzten und Pflegern und Schwestern des Kinderkrebs-Zentrums hätten sie den Mut verloren, sagen sie. Die Gewissheit, nicht allein dazustehen, habe ihnen Mut gemacht, als sie kurz davor waren, ihren eigenen zu verlieren.

Hoffnung kam in Form eines Plastikbeutels

Ein Licht am Ende des Tunnels kam in Form eines Plastikbeutels mit einer roten Flüssigkeit: Dieser enthielt genetisch fast identische Stammzellen für Leon, welche ein Spender sich entnehmen ließ. Der Amerikaner wurde über die Datenbank gefunden. Fast 2000 Menschen hatten sich an einer Typisierungsaktion der Deutschen Knochenmarkspenderdatei für Leon beteiligt, die eine Freundin seiner Familie organisiert hatte. Die Transplantation war am 11. September. Die Bührkes wissen weder Namen noch Alter des Spenders.

Aber er hat Leon einen Brief geschrieben. Er liegt in einer Snoopy-Karte. "Es gibt keine Geschwindigkeitsbeschränkung auf dem Weg zur Genesung!" steht darauf. Es ist der Brief eines Namenlosen an einen anderen Namenlosen. Die Zeilen berühren, weil sie zwei Menschen verbinden. Der Verfasser schreibt, sein Spitzname sei "Blue Racer" und tauft den Empfänger seines Knochenmarks auf den Namen "Little Racer", Kleiner Raser. Der Name gefällt Leon. Bald möchte Leon seinem Spender schreiben, dass er wieder zu Hause ist. In zwei Jahren, wenn beide ihre Namen und Adressen bekannt geben können, will er seinem neuen Freund ein Foto von sich schicken. Versprochen.

Das Spendenkonto der Fördergemeinschaft Kinderkrebs-Zentrum Hamburg e.V. hat die Nummer 4442008, BLZ 20690500, Spardabank Hamburg. Bitte als Stichwort "Spendenaktion" angeben. Das "Hamburg Journal" des NDR-Fernsehens berichtet am 5. Dezember ab 19.30 Uhr über Leon.

Weitere Infos unter www.kinderkrebs-hamburg.de.